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Zum Sterben geboren
Februar 1997
... Es ist schon dunkel, als wir das Krankenhaus betreten und an der Anmeldung nach der Entbindungsstation fragen. Bis ganz nach oben müssen wir. Es sind nur drei Etagen, doch diese kommen mir endlos vor. Wie eine alte gebrochene Frau versuche ich Stufe für Stufe zu bewältigen. Wir klingeln und werden eingelassen. Eine zierliche junge Schwester lässt uns herein. Sie ist nett und führt uns zu einem Raum, der wohl ein Aufenthaltsraum sein muss. Was uns sofort auffällt, die Station macht einen unwahrscheinlich sauberen und wohnlichen Eindruck. Ich sitze nicht lange und werde von einer freundlichen Frau, die sich als Hebamme vorstellt, zu einem anderen Raum gebracht. Mein Mann und mein Sohn verabschieden sich von mir. Die Hebamme erzählt mir, dass im Moment viel hier los sei und sie noch einmal zu einer eben erst entbundenen Mutter sehen müsse. Der Chefarzt sei jedoch schon gerufen worden. Ich sitze allein im Zimmer. Neben mir ein Schreibtisch, vor mir eine Liege mit einem CTG-Gerät. Sie hat die Tür offen gelassen und ich höre, wie sie sanft mit einer Patientin redet. Dafür, dass hier viel los sein soll, ist es verdammt ruhig. Sogar die Babys scheinen zu schlafen. Die Hebamme kommt wieder herein und hilft mir, mich auf die Liege zu legen. Sie nimmt meine Daten auf und beginnt ein Gespräch. Ich erzähle ihr von dem Umzug und von den vielen Schwierigkeiten. Es ist, als würde ich alles einer alten Freundin erzählen. Sie macht auf mich einen vertrauenserweckenden Eindruck und ich bin froh, dass sie bei mir ist und ich mit jemandem reden kann. Sie hört die Eingangstür und teilt mir mit, dass wäre der Chefarzt, der sehr nett ist. Augenblicklich sehe ich in meinen Gedanken ein Bild eines Arztes entstehen. Ich habe Angst. Ich bemerke, dass ich zittere. Ist mir kalt oder ist es die Angst? Ich wünsche mir, dass auch der Arzt so nett ist, wie Schwester und Hebamme. Als der Chefarzt das Zimmer betritt, bleibt mir fast das Herz stehen. Ein Schreck durchfährt meine Glieder. Vor mir steht ein Mann, groß, stark und gewaltig aussehend wie ein Hüne. Er stellt sich als Chefarzt Dr. Baum vor und begrüßt mich, als würde er mich schon lange kennen. Dem Alter nach könnte er mein Vater sein. Dr. Baum. untersucht mich und dann sitze ich neben ihm auf einem Stuhl in mich zusammengesunken. Er redet und redet. Ab und an wird mir eine Frage gestellt. Ich bekomme zu hören, dass er mir von Anfang an von einer zweiten Schwangerschaft abgeraten hätte. Und dass die Cerclage bei ihm schon lange nicht mehr gemacht wird, weil sie nicht den Nutzen bringt. Und dass meine Chancen nicht gut stünden. Und dass er vorschlägt, mir noch ein Pessar einzusetzen. Und das ich die restliche Zeit der Schwangerschaft im Krankenhaus verbringen müsse, viel liegen, keine Anstrengungen. Ich muss ihn total verzweifelt ansehen. Aber mein Sohn hat es doch auch geschafft, obwohl er in der 28. Schwangerschaftswoche geboren ist? Und warum hat man mir nach dieser Schwangerschaft nichts von einer Zervixinsuffizienz gesagt, obwohl ich doch immerzu gefragt habe, wieso es zu einer Frühgeburt kam? Warum habe ich dann all die Jahre hindurch krampfhaft versucht, erneut schwanger zu werden, habe eine Sterilitätsbehandlung mitgemacht, hatte die Fehlgeburt und war manchmal am Ende meiner Kräfte, weil alles nicht klappte? Dann hätte ich mir das ja alles sparen können? Und warum habe ich eine Woche im Krankenhaus gelegen, weil eine Cerclage angeblich das Richtige sein sollte, um mir und meinem Baby zu helfen? Er erwidert, dass ich mit meinem Sohn ein verdammtes Glück gehabt habe und ich nun das Gleiche wieder erwarte. Aber das alles kann auch schief gehen, das dürfe ich nicht vergessen. Man sollte das Glück nicht ein zweites Mal herausfordern. Seine Worte treffen mich wie Schläge. Es fällt mir schwer, ihm gedanklich zu folgen. Was verlange ich denn? Ich sehne mich nach noch einem Kind. Ist das zuviel verlangt? Warum soll dann alles so gut wie verkehrt sein, was ich bisher getan habe? Wie ein Häufchen Unglück sitze ich neben ihm, versuche aufkommende Tränen hinunterzuschlucken. Auch wenn der Arzt neben mir im Vergleich zu den Ärzten des Krankenhauses von Grünlingen einen eher sympathischen Eindruck macht, auch wenn alles stimmen mag, was er mir erzählt, ich will es nicht hören. Was will ich überhaupt? Ein Kind? Ich bin müde, kaputt, am Ende meiner Kräfte. Bevor ich das Untersuchungszimmer verlasse, schaut mich der Chefarzt noch einmal besorgt an und sagt einen Satz, den ich von ihm die nächsten Wochen noch oft zu hören bekomme: „Sie sind ein gebrandmarktes Kind!“ Die Schwester von vorhin erscheint wieder und führt mich in mein Zimmer. Das Zimmer, das nun für viele Wochen mein „Zuhause” werden soll. Sie zeigt mir mein Bett und bittet mich noch einmal hinaus, um mir Küche, Toiletten und Duschen zu zeigen. Nun liege ich schon wieder nicht in meinem Bett in meinem Zuhause. Ich liege in einem Zweibettzimmer im Krankenhaus von Fallerhausen. Die zweite Patientin ist eine junge Frau, die vor ein paar Stunden einen Jungen entbunden hat und nun erschöpft eingeschlafen ist. Die Glückliche! Nur ich schlafe nicht. Tränen laufen mir über die Wangen und ich schluchze. Das ist er nun, der Neuanfang. Ich bin wütend auf alles. Ja, ich bin sogar wütend auf mein Baby in mir. Das alles ist zuviel. Wie lange werde ich es ertragen? Wie lange kann ein Mensch so etwas ertragen? ...
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