Katja ist tot

Zum Sterben geboren

Mai 1997

...
Langsam lichtet sich der Schleier vor meinen Augen. Ich fühle mich wie an das Bett gefesselt. Wo liege ich hier. Ich bin so wahnsinnig müde. Wieder sinke ich in einen leichten Aufwachschlaf, bis ich erneut versuche, meine Umwelt wahrzunehmen. Was ist passiert? Es fällt mir schwer, meine Gedanken zu ordnen, in die richtige Reihenfolge zu bringen. Mein Mann, wo ist mein Mann?
Erst jetzt bemerke ich ein leises Summen, nein es sind verschiedene Summtöne. Ich sehe die vielen Geräte um mich herum. Ich sehe die Kanüle in meinem Arm, die vielen Infusionsflaschen am Ständer, daneben einen Beutel mit einer roten Flüssigkeit. An meinem rechten Arm ist ein automatischer Blutdruckmesser angebracht, der sich in Abständen aufpumpt, anhält und mit einem pustenden Geräusch die Luft wieder herauslässt. Durch die Nase erhalte ich Sauerstoff. Mein Unterleib fühlt sich wie ein Zementsack an, aber ich spüre überhaupt keine Schmerzen.
Hatte ich einen Kaiserschnitt? Meine Tochter? Wo ist meine Tochter? Warum kommt niemand und beglückwünscht mich zu meinem Baby? Warum bringt man es mir nicht?
Wieder falle ich in einen schlafähnlichen Zustand. Als ich aufwache sehe ich eine Schwester an meinem Bett. Leise versuche ich ihr beizubringen, dass ich den Kinderarzt sprechen will. Ja, sie nickt.
Nein, man kann mir mein Baby ja gar nicht bringen, weil mein kleines Mädchen viel zu früh das Licht der Welt erblickte. Sie wird auf der Frühgeburtenstation liegen, warm und gut aufgehoben in einem Inkubator. Warum ist mir das nicht gleich eingefallen.
Warum lassen sie mich so lange warten? Wann kommt der Kinderarzt um mir von meiner Katja zu berichten? Warum spricht überhaupt niemand mit mir? Wieder erscheint die Schwester, die jedoch diesmal nicht zu mir kommt. Ich bekomme mit, dass ich nicht allein im Zimmer liege. Mir gegenüber stehen zwei Betten, neben mir ebenfalls eins. Alle drei sind wie ich von Apparaten umgeben. Noch einmal bitte ich die Schwester zu mir. Das sprechen fällt mir schwer, als würde sich in meinem Hals ein dicker Kloß befinden. Das Schlucken tut weh. Sie fragt mich, ob ich Schmerzen hätte. Nein, ich möchte nur den Kinderarzt sprechen, warum kommt er nicht?
Endlich, die Tür geht auf und eine Ärztin im weißen Kittel erscheint und kommt auf mein Bett zu. Sie ist keine Kinderärztin, ich kenne sie von der Entbindungsstation. Sie beugt sich zu mir herunter, um nicht laut sprechen zu müssen und stellt sich als Frau Feld vor. Sie hat eine traurige Nachricht für mich. Mein Baby, ein kleines Mädchen, ist tot. Es tue ihr leid. Ich müsste mich entscheiden, ob ich sie sehen und ob ich eine Obduktion möchte. So leise, wie sie zu mir ans Bett kam, verlässt sie auch wieder den Raum.
Nein, das stimmt nicht. Mein kleines Mädchen ist nicht tot. Es lebt. Ganz bestimmt lebt es und liegt auf der Frühgeburtenstation. Noch vor ein paar Stunden hat es in meinem Bauch gestrampelt. Ich habe die Herztöne laut und deutlich gehört. Die Ärztin muss sich irren. Mein kleines Mädchen muss leben!
Habe ich schon wieder geschlafen? Mein Herz schmerzt. Das Atmen fällt mir schwer. Drückt mir jemand die Brust ab? Habe ich geträumt, dass mein kleines Mädchen tot sein soll? Wo ist mein Mann? Warum ist er nicht bei mir?
Eine junge Frau erscheint und kommt zu mir an das Bett. Sie stellt sich als Hebamme vor, drückt ihr Beileid aus, es tue ihr sehr leid. Aber auch wenn mein kleines Baby nicht überlebt hat, möchte sie gern den Namen wissen. Ich starre sie erschrocken an. Nein, es war kein Traum. Mein Mädchen ist tot. Mein Mädchen liegt nicht wohl behütet auf der Frühgeburtenstation. Ich hauche der jungen Frau neben mir den Namen entgegen: „Katja“. Die Hebamme drückt meine Hand und ist wieder verschwunden.
Kein Traum! Die Wahrheit ist: Mein Mädchen ist tot! Nein!
Ich fühle mich plötzlich wie eine leere Hülle. Müsste ich nicht laut los schreien? Müsste ich nicht weinen? Beides gelingt mir nicht. Nicht eine Träne kullert meine Wangen herab. Es ist wie ein böser Alptraum. Wenn es doch nur einer wäre. Dann würde ich irgendwann schweißgebadet aufwachen und mich freuen, dass ja alles nur geträumt war. Aber das hier ist die Wirklichkeit. Aber was ist denn passiert? Mein Mädchen hat doch vor ein paar Stunden noch gelebt? Warum ist mein Mann nicht mehr bei mir? Der wird mir sagen, dass alles nur ein Missverständnis ist, dass man sich geirrt hat. Nicht mein Mädchen ist tot. Es ist ein anderes. Ich bin so furchtbar müde. Ich möchte schlafen. Schlafen. Schlafen.
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